21. April 2026

Marilee – Eine der letzten grossen NY40s

Wenn von grossen amerikanischen Klassiker-Yachten die Rede ist, fällt der Name Marilee nicht ohne Grund. Die Yacht gehört zur New York 40 Class (NY40), einer Einheitsklasse des New York Yacht Club, entworfen von Nathanael G. Herreshoff.
Marilee wurde 1926 als Hull #955 in Rhode Island gebaut und entstand ursprünglich für Edward I. Cudahy, den damaligen Inhaber der Cudahy Packing Company. Wer sie betrachtet, sieht nicht nur ein aussergewöhnlich schönes und sorgfältig restauriertes Schiff, sondern zugleich auch ein Stück amerikanischer Yachtgeschichte.

 
Noblesse Yachts
❐ Marilee – eine der letzten grossen NY40
 


 

1. Die New York 40 Klasse - Die Entstehung

Die Geschichte der New York 40 Klasse reicht in die Jahre vor dem Ersten Weltkrieg zurück. Der New York Yacht Club suchte in den 1910er Jahren nach einer Yacht, die auf der Regattabahn überzeugen, zugleich aber auch für längere Fahrten entlang der Küste geeignet sein sollte.
 
1915 beauftragte der Club deshalb Nathanael G. Herreshoff mit dem Entwurf einer neuen Einheitsklasse. Gesucht war eine Yacht, die konkurrenzfähig segelte, zugleich aber auch genügend Seetüchtigkeit und Komfort für Küstenfahrten bot. Bemerkenswert waren auch die Regeln der Klasse: Gesteuert werden sollte die Yacht grundsätzlich vom Eigner, während professionelle Crewmitglieder nur in begrenzter Zahl zugelassen waren.
 
Die ersten zwölf Boote dieser Klasse wurden 1916 zu Wasser gelassen. Das Design stiess anfangs nicht nur auf Zustimmung. Die für damalige Verhältnisse breite Form und das vergleichsweise hohe Freibord unterschieden sich deutlich von früheren Herreshoff-Rennklassen. Doch was zunächst kritisch gesehen wurde, bewährte sich auf dem Wasser schnell, und die New York 40 entwickelte sich zu einer der markantesten amerikanischen Einheitsklassen ihrer Zeit. Sie trug jene innere Ordnung in sich, die gute Entwürfe auch nach einem Jahrhundert nicht verlieren.
 
NY40
❐ Historisches Foto und Originalplan von Marilee
 


 

2. Marilee - Spätes Mitglied der New York 40 Klasse

Nach den ersten Booten der Klasse wurde die Entwicklung durch den Ersten Weltkrieg unterbrochen; erst 1920 wurde wieder regulär gesegelt. 1926 kamen dann noch zwei weitere New York 40 hinzu: Marilee und ihre Schwesteryacht Rugosa II. Beide hatten dieselben Linien, doch Marilee erhielt einen neu gezeichneten Aufbau, einen eigenen Innenplan und ein grösseres Cockpit. Gerade das macht sie innerhalb der Klasse besonders interessant: Sie gehört zwar klar zur New York 40-Familie, trägt aber zugleich eine eigenständige Ausprägung in sich.
 
Auch der Zeitpunkt ihres Erscheinens ist aufschlussreich. Obwohl der Krieg vorbei war, blieb die wirtschaftliche Lage schwierig, und im Yachtsport zeichnete sich bereits eine Bewegung hin zu kleineren Booten ab. Marilee nahm zwar noch an der Saison 1926 teil, die Klasse verlor aber schon kurz darauf an Bedeutung; bis 1927 waren viele Boote der Flotte bereits verkauft.
 
Die Fotografie unten zeigt Marilee während des Baus in der North Construction Shop der Herreshoff Manufacturing Company. Im Hintergrund ist der Schoner Mary Rose (#954) zu sehen; im Vordergrund wird ihre Schwesteryacht Rugosa II (#983) kopfüber beplankt.
 
Marilee under construction
❐ Marilee, 1926 im Bau befindlich
 


 

3. Nathanael G. Herreshoff – Der Mann hinter dem Entwurf

Über die New York 40 und über Marilee zu schreiben, heisst immer auch, über Nathanael Greene Herreshoff zu sprechen. Kaum ein Name ist im klassischen Yachtbau so aufgeladen wie seiner – und kaum einer so berechtigt. Herreshoff, oft als “Wizard of Bristol” bezeichnet, war Konstrukteur, Ingenieur und Gestalter zugleich. Seine Entwürfe verbanden technische Präzision mit einer fast selbstverständlichen Schönheit.
 
Berühmt wurde er vor allem durch seine America’s Cup-Yachten. Von der Yacht Vigilant im Jahr 1893 bis zur Yacht Resolute im Jahr 1920 stammten sämtliche erfolgreichen amerikanischen Verteidiger dieser Epoche aus seiner Feder. Doch sein bleibender Einfluss liegt nicht allein in Trophäen, sondern in einer Entwurfshaltung, die Geschwindigkeit nie von Form und Form nie von Funktion trennte.
 
Nathanael Greene Herreshoff
❐ Nathanael Greene Herreshoff
 


 

4. Warum Marilee heute so besonders ist

Was Marilee heute eine so besondere Ausstrahlung verleiht, ist ihre seltene Verbindung aus Herkunft, Substanz und gelebter Gegenwart. Sie ist nicht einfach eine weitere restaurierte Klassiker-Yacht, sondern eine von nur vier verbliebenen New York 40s die weiterhin aktiv gesegelt werden.
 
Das ist von Bedeutung und zeigt, dass eine Yacht aus der grossen Epoche des amerikanischen Yachtbaus noch immer so erlebt werden kann, wie sie gedacht war – unter Segeln. Sie wird nicht nur bewundert oder bewahrt. Sie lebt im Gebrauch weiter – etwas, das auch Classic Boat in seiner Berichterstattung über ihre Restaurierung hervorgehoben hat.
 
Marilee Deck Layout
❐ Klassische Handwerkskunst an Bord von Marilee
 


 

5. Die Restaurierung: Bewahren, Verstehen, Wiederherstellen

Besonders eindrucksvoll ist die jüngere Restaurierungsgeschichte von Marilee. In Maine wurde die Yacht bei French & Webb umfassend wiederhergestellt. Was zunächst eher als begrenzte Überarbeitung gedacht war, entwickelte sich zu einer grundlegenden Restaurierung.
 
Der Rumpf wurde digital vermessen und mit den ursprünglichen Plänen von Herreshoff verglichen, um die ursprüngliche Form präzise zurückzugewinnen. Im Verlauf der Arbeiten zeigte sich, wie stark Linien und Decksverlauf im Lauf der Jahrzehnte von der ursprünglichen Gestalt abgewichen waren. Die Restaurierung war deshalb nicht nur handwerklich anspruchsvoll, sondern auch eine Frage des Verständnisses: Wie bringt man ein historisches Schiff zurück, ohne seinen Charakter zu glätten?
 
Im weiteren Verlauf wurden zentrale strukturelle Bereiche erneuert oder verstärkt. Dokumentiert sind unter anderem der Austausch eines Teils des Kiels, die Erneuerung wesentlicher Bodenwrangen sowie zusätzliche Verstärkungen im Bereich der Mastbasis. Entscheidend daran ist weniger die einzelne Massnahme als der Ansatz dahinter: Die Restaurierung verstand sich nicht als rein kosmetische Arbeit, sondern als präzise Rückführung einer historischen Regattayacht zu einer belastbaren, segelbaren Form.
 
Restauration of Marilee NY40
❐ Bildergalerie der Restaurierung bei French & Webb
 


 

6. Die Wiederentdeckung der Originalzeichungen

Ein besonders spannender Teil von Marilee’s Restaurierung liegt in den Originalzeichnungen. In den MIT Hart Nautical Collections fanden sich weitere Pläne von Marilee, darunter eine Zeichnung für ein Marconi-Rigg (auch bekannt als Bermuda-Rigg), das ursprünglich für einen Umbau im Jahr 1933 vorgesehen war. Diese Entdeckung war deshalb so bedeutend, weil sie nicht irgendeine spätere Fremdlösung dokumentierte, sondern eine von Herreshoff selbst gezeichnete Weiterentwicklung.
 
Auf dieser Grundlage wurde Marilee so vorbereitet, dass sie mit zwei unterschiedlichen Rigg-Konfigurationen gesegelt werden kann. Dafür sah French & Webb eine Reihe verdeckt integrierter konstruktiver Lösungen im Bug-, Heck- und Mastbereich vor. Das macht die Yacht nicht nur historisch interessant, sondern auch technisch aussergewöhnlich.
 

 


 

7. Marilee - Ihre sportlichen Erfolge

Marilee ist auch sportlich keineswegs nur Erinnerung. In den vergangenen Jahren hat sie im klassischen Regattasport wieder deutlich auf sich aufmerksam gemacht. 2021 gewann sie in der Vintage-Wertung sowohl die Gesamtwertung als auch die Maine-Wertung der Classic Yacht Challenge Series; im selben Jahr gewann sie auch den ersten Platz in der Vintage-Wertung bei der Herreshoff Classic Yacht Regatta.
 
2024 folgte ein weiterer markanter Erfolg mit dem Gesamtsieg in der Vintage-Wertung bei den Classic Yacht Challenge Series, wiederum verbunden mit dem ersten Platz in der Maine Region. Solche Resultate sind nicht nur dekorativ. Sie zeigen deutlich, dass die Yacht heute nicht nur als restaurierter Klassiker wahrgenommen wird, sondern weiterhin sportlich ernst zu nehmen ist.
 
Marilee under sail
❐ Marilee im Duell

 


 

8. Mehr als ein restaurierter Klassiker

Was Marilee heute auszeichnet, ist nicht allein ihr Alter, ihr Name oder die Verbindung zu Herreshoff. Ihre Bedeutung liegt vielmehr darin, dass hier mehrere Ebenen zusammenkommen: ein klar dokumentierter Entwurf aus der grossen Zeit des amerikanischen Yachtbaus, eine eindeutig belegbare Zugehörigkeit zu den New York 40s , eine aufwendige und sorgfältig dokumentierte Restaurierung sowie die Tatsache, dass die Yacht weiterhin auf dem Wasser erlebt wird.
 
So steht Marilee heute für etwas, das in der Welt klassischer Yachten selten geworden ist: Kontinuität. Nicht als Stillstand, sondern als lebendige Fortsetzung. Sie erinnert daran, dass grosse Yachten ihrer Zeit nicht nur entworfen wurden, um bewundert zu werden, sondern um gesegelt zu werden – und genau darin liegt bis heute ihre eigentliche Würde.
 
Noblesse Yachts
❐ Marilee und Crew bilden eine EInheit

 


 
Bei Noblesse Yachts® setzen wir uns leidenschaftlich für die Bewahrung maritimer Zeitzeugen ein. Wir bringen ihre Geschichten für die heutige Generation zum Leben und betrachten sie als wertvolle Fenster in die Vergangenheit. Unsere Bemühungen umfassen die Dokumentation ihrer vielfältigen Rollen im Laufe der Zeit, das Hervorheben ihrer Überlebenskämpfe und die Würdigung der engagierten Einzelpersonen, die sich der Erhaltung dieser historischen Schätze verschrieben haben – oft unter großen persönlichen Opfern. Adi Konstatzky, CEO und Gründer von Noblesse Yachts, spricht aus eigener Erfahrung. Er hat aktiv zur Erhaltung zweier klassischer Schiffe beigetragen: einem Dampfschiff von 1913 und einem Motorschiff von 1928.
 
Hinweis zum Urheberrecht: Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt und darf nur mit einem Link zu unserer Webseite kopiert und verwendet werden. Vielen Dank!
 
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